Christoph Kay
Christoph Kay
repleno Gründer
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Verbrauchsmaterial-Kalkulation: So ermittelst du den Tagesverbrauch richtig

Wie berechnet man den Tagesverbrauch von Verbrauchsmaterial im Handwerk? Formeln, Methoden und Praxisbeispiele für Meldebestand und Lagerreichweite – mit konkreten Rechenbeispielen für Elektro, SHK und Tischlerei.

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Verbrauchsmaterial-Kalkulation: So ermittelst du den Tagesverbrauch richtig

Der Karton mit Schrauben ist leer – mitten im Auftrag. Jetzt heißt es: Arbeit unterbrechen, zum Baumarkt fahren, Zeit verlieren. Wer seinen Tagesverbrauch kennt, bestellt rechtzeitig und spart sich den Stress.

TL;DR: Tagesverbrauch = Gesamtverbrauch ÷ Arbeitstage. Mit dieser Zahl berechnest du Lagerreichweite und Meldebestand. Ergebnis: Nie wieder Materialengpässe, nie wieder zu viel Kapital im Lager.


Warum Verbrauchskalkulation so wichtig ist

Laut einer Lexware-Umfrage verzeichnen 67 Prozent der KMU gestiegene Materialkosten. Gleichzeitig zeigt eine Umfrage der Handwerkskammer Münster, dass 90 Prozent der Betriebe Probleme bei der Beschaffung von Material, Rohstoffen und Vorprodukten melden.

Handwerker in SHK und Elektro verbringen durchschnittlich 7 Stunden pro Woche mit Materialbeschaffung. Zeit, die für Aufträge fehlt.

Das Problem: Ohne Überblick über den tatsächlichen Verbrauch pendelt man zwischen zwei Extremen:

  • Zu wenig bestellt: Materialengpass, Arbeit stoppt, Sonderfahrt zum Baumarkt oder Großhändler nötig
  • Zu viel bestellt: Kapital gebunden, Lager voll, Material veraltet

Die Lösung beginnt mit einer Zahl: dem Tagesverbrauch.


Was zählt als Verbrauchsmaterial?

Bevor wir rechnen, eine kurze Begriffsklärung. Verbrauchsmaterial ist laut Wikipedia Material, das für die Funktionalität eines Gerätes oder zur Bewältigung von Dienstleistungsaufgaben unerlässlich ist.

KategorieBeispieleBesonderheit
HilfsstoffeSchrauben, Nägel, Dübel, Klebstoff, DichtungenGehen ins Produkt ein
BetriebsstoffeSchmiermittel, Reiniger, Benzin, KühlmittelWerden verbraucht, nicht Teil des Produkts
BüromaterialPapier, Druckerpatronen, EtikettenFür Verwaltung nötig

Alle diese Materialien haben eines gemeinsam: Sie werden regelmäßig aufgebraucht und müssen nachgekauft werden. Genau hier setzt die Verbrauchskalkulation an.


Die Grundformel: Tagesverbrauch berechnen

Die einfachste Formel für den Tagesverbrauch:

Tagesverbrauch = Gesamtverbrauch in Periode ÷ Anzahl Arbeitstage

Beispiel: Schrauben im Elektrobetrieb

  • Verbrauch im Januar: 500 Schrauben
  • Arbeitstage im Januar: 20
  • Tagesverbrauch: 25 Schrauben/Tag

Mit dieser Zahl lässt sich berechnen:

  • Wie lange der aktuelle Bestand reicht (Lagerreichweite)
  • Wann nachbestellt werden muss (Meldebestand)
  • Wie viel Sicherheitspuffer nötig ist (Sicherheitsbestand)

Drei Methoden zur Verbrauchsermittlung

Je nach Betriebsgröße und verfügbaren Daten eignen sich unterschiedliche Methoden. Das Controllingportal beschreibt diese Methoden im Detail.

1. Inventurmethode (Befundrechnung)

Die einfachste Methode – perfekt für den Einstieg:

Verbrauch = Anfangsbestand + Zugang – Endbestand

Beispiel:

  • Anfangsbestand 1. Januar: 200 Schrauben
  • Eingekauft im Januar: 400 Schrauben
  • Endbestand 31. Januar: 100 Schrauben
  • Verbrauch Januar: 500 Schrauben

Geeignet für: Monatliche oder quartalsweise Kontrolle, Kleinbetriebe ohne Software

2. Retrograde Methode (Rückrechnung)

Wer Stücklisten führt, kann zurückrechnen:

Verbrauch = Hergestellte Einheiten × Sollverbrauch pro Einheit

Beispiel Tischlerei:

  • 10 Schränke gebaut
  • Sollverbrauch pro Schrank: 80 Schrauben
  • Verbrauch: 800 Schrauben

Geeignet für: Betriebe mit standardisierten Produkten oder Auftragstypen

3. Fortschreibungsmethode (Skontration)

Die genaueste Methode – jede Entnahme wird dokumentiert:

  • Materialentnahmeschein bei jeder Entnahme
  • Laufende Fortschreibung des Bestands
  • Echtzeit-Überblick

Geeignet für: Betriebe mit digitaler Lagerverwaltung, größere Artikelanzahl

Empfehlung: Die Fortschreibungsmethode liefert die genauesten Ergebnisse und wird in der Praxis am häufigsten empfohlen. Für den Einstieg reicht aber die Inventurmethode völlig aus. Sidenote: Wir von repleno nutzten diese Methode für die digitale Lagerverwaltung.


Von Tagesverbrauch zu Bestellzeitpunkt

Der Tagesverbrauch allein bringt noch keine automatische Nachbestellung. Dafür brauchst du drei weitere Kennzahlen.

Lagerreichweite berechnen

Die Lagerreichweite zeigt, wie lange dein Vorrat bei aktuellem Verbrauch reicht:

Lagerreichweite (Tage) = Aktueller Bestand ÷ Tagesverbrauch

Beispiel:

  • Aktueller Bestand: 500 Schrauben
  • Tagesverbrauch: 25 Schrauben
  • Reichweite: 20 Arbeitstage

Sicherheitsbestand festlegen

Der Sicherheitsbestand ist dein Puffer für Lieferverzögerungen oder Verbrauchsspitzen. Die Faustformel:

Sicherheitsbestand = ⅓ × Verbrauch während Wiederbeschaffungszeit

Beispiel:

  • Tagesverbrauch: 25 Schrauben
  • Lieferzeit: 5 Tage
  • Verbrauch während Lieferzeit: 125 Schrauben
  • Sicherheitsbestand: ca. 40 Schrauben

Meldebestand berechnen

Der Meldebestand ist der Bestand, bei dem du nachbestellen musst:

Meldebestand = (Tagesverbrauch × Lieferzeit) + Sicherheitsbestand

Beispiel:

  • Tagesverbrauch: 25 Schrauben
  • Lieferzeit: 5 Tage
  • Sicherheitsbestand: 40 Schrauben
  • Meldebestand: 165 Schrauben

→ Sobald der Bestand auf 165 Schrauben sinkt: nachbestellen!


Praxisbeispiel: SHK-Betrieb mit 4 Mitarbeitern

Ein konkretes Durchrechnen für Dichtungsringe:

ParameterWertBerechnung
Monatsverbrauch400 Stück(historische Daten)
Arbeitstage/Monat20
Tagesverbrauch20 Stück400 ÷ 20
Aktueller Bestand300 Stück(Inventur)
Lagerreichweite15 Tage300 ÷ 20
Lieferzeit3 Tage(Lieferant)
Verbrauch während Lieferzeit60 Stück20 × 3
Sicherheitsbestand20 Stück60 ÷ 3
Meldebestand80 Stück(20 × 3) + 20

Ergebnis: Bei 80 Stück im Lager muss nachbestellt werden. Der aktuelle Bestand von 300 Stück reicht noch 15 Arbeitstage.


Die 5 häufigsten Fehler vermeiden

FehlerKonsequenzLösung
Verbrauch schätzen statt messenFalsche BestellmengenMindestens 3 Monate echte Daten sammeln
Schwankungen ignorierenEngpässe in HochphasenSaisonale Anpassung der Werte
Zu großer SicherheitspufferKapital unnötig gebundenMit Faustformel (⅓) starten, dann optimieren
Lieferzeit unterschätzenMaterial fehlt trotz BestellungEchte Lieferzeit dokumentieren, Puffer einplanen
Einmal berechnen, nie anpassenWerte veraltenQuartalsweise Review

Von Excel zur automatischen Bestellung

Laut einer ZDH/Bitkom-Studie nutzen nur 12 Prozent der Handwerksbetriebe Trackingsysteme für Maschinen oder Betriebsmittel. Eine Handelskraft-Studie zeigt: 70 Prozent nutzen keine Branchensoftware für die Beschaffung.

Einstieg: Excel-Tabelle

Für 20-50 Artikel reicht eine einfache Tabelle:

  • Artikelname
  • Aktueller Bestand
  • Tagesverbrauch
  • Meldebestand
  • Lagerreichweite (berechnet)

Fortgeschritten: Lagerverwaltungssoftware

Ab 50+ Artikeln wird Software effizienter:

  • Automatische Bestandsüberwachung
  • Meldebestandswarnung per E-Mail oder Push
  • Automatische Nachbestellung bei definierten Schwellwerten
  • Verbrauchshistorie und Trends

In 4 Schritten zum systematischen Verbrauchsmanagement

Schritt 1: Top-10 identifizieren

Welche 10 Artikel verbrauchst du am häufigsten? Starte mit diesen.

Schritt 2: Einen Monat dokumentieren

Führe für diese Artikel eine einfache Strichliste oder Excel-Tabelle:

  • Datum
  • Entnahme
  • Neuer Bestand

Schritt 3: Kennzahlen berechnen

Nach einem Monat hast du Daten für:

  • Tagesverbrauch
  • Lagerreichweite
  • Meldebestand

Schritt 4: System etablieren

Entscheide dich für eine Methode:

  • Manuell: Wöchentlicher Check der Top-10
  • Semi-automatisch: Excel mit Warnfarben bei Unterschreitung
  • Automatisch: Lagersoftware mit automatischer Bestellung

Fazit: Die eine Zahl, die alles verändert

Der Tagesverbrauch ist der Ausgangspunkt für jede professionelle Lagerhaltung. Mit dieser einen Kennzahl berechnest du:

  • ✅ Wie lange dein Bestand reicht
  • ✅ Wann du nachbestellen musst
  • ✅ Wie viel Sicherheitspuffer du brauchst

Starte diese Woche: Wähle 5 kritische Artikel aus und dokumentiere den Verbrauch. Nach einem Monat hast du die Datenbasis für bessere Bestellentscheidungen.

Mehr zum Thema Lagerverwaltung findest du in unserem Leitfaden zur Min-Max-Lagerverwaltung.


Bereit für automatische Bestellungen?

repleno übernimmt die Verbrauchsüberwachung für dich. Meldebestand bzw. Sicherheitsbestand erreicht? Bestellung geht automatisch raus. → Mehr erfahren

FAQ: Die 6 häufigsten Fragen zur Verbrauchskalkulation

Christoph Kay

repleno Gründer

Christoph arbeitete fünf Jahre als Elektroniker in der Industrie und hat erlebt, wie fehlende Kleinteile Abläufe ausbremsen. Später führte er als Projektmanager bei der P.S. Cooperation GmbH (Böllhoff-Gruppe) digitale Beschaffungsprozesse für wiederkehrende Teile bei Mittelstand und Konzernen ein. Heute baut er repleno, um die Beschaffung von Verbrauchsmaterialien in kleinen Betrieben weitgehend zu automatisieren.

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