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Meldebestand berechnen: Formel, Rechenbeispiel und Praxis-Tipps

Tagesverbrauch, Lieferzeit und Sicherheitspuffer an einem durchgerechneten Beispiel, die Abgrenzung zu Mindest- und Höchstbestand und der Sonderfall ohne Lieferzeit.

Aktualisiert: 9 Min. Lesezeit
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TL;DR

Meldebestand = Tagesverbrauch x Lieferzeit + Sicherheitsbestand, immer über dem Mindest- und unter dem Höchstbestand. Unterschritten: sofort nachbestellen.

  • Beispiel: 15 Ringe/Tag x 5 Tage + 30 Puffer = 105 Ringe Meldebestand.
  • Mindestbestand separat: Tagesverbrauch x Verzögerungstage, also 15 x 2 = 30 Ringe.
  • Höchstbestand separat: Sicherheitsbestand plus Bestellmenge, im Beispiel 230 Ringe.
  • Werte mindestens quartalsweise anpassen, nach Lieferantenwechsel sofort.

Das Fach ist leer. Die letzten Teile hat jemand vor Tagen entnommen, ohne Bescheid zu geben. Tatzeitpunkt, unbekannt.

Also wird bestellt, wenn der Artikel bereits gebraucht und zum Fehlteil geworden ist. Der Lieferant muss es ausbaden, reagiert zum Glück schnell und verschickt umgehend per Express. Trotzdem kommt die Lieferung zu spät. Der optimale Bestellzeitpunkt liegt nämlich bereits Tage zurück - vor dem Tatzeitpunkt.

Der Meldebestand legt den Bestellzeitpunkt vorher fest, statt ihn vom Blick ins Regal abhängig zu machen.

Was ist der Meldebestand?

Der Meldebestand (auch Bestellpunkt) ist der Punkt, an dem nachbestellt wird. Ohne festgelegten Meldebestand hängt der Bestellzeitpunkt an Zuruf durch die Kollegen und an Zetteln.

Damit der Nachschub einer Regel folgt statt einem Reflex, brauchst du drei Lagerkennzahlen:

  • Mindestbestand (eiserne Reserve): Der Puffer, der nie angefasst werden sollte. Fängt Lieferverzögerungen ab.
  • Meldebestand (Bestellpunkt): Der Bestand, bei dem du nachbestellst. Liegt immer über dem Mindestbestand.
  • Höchstbestand: Das Maximum, das dein Lager fassen sollte. Darüber bindest du unnötig Kapital.

Das Zusammenspiel ist einfach: Fällt der Bestand auf den Meldebestand, bestellst du nach. Die Ware trifft ein, bevor der Mindestbestand erreicht ist.

Dein Lager schwankt zwischen Meldebestand und Höchstbestand, ohne dass jemals Material fehlt. Fachlich heißt das Bestellpunktverfahren, definiert im Gabler Wirtschaftslexikon als:

"Eines von mehreren Verfahren der Bestellmengenplanung, bei dem eine Bestellung immer dann ausgelöst wird, wenn der Lagerbestand eine festgelegte Höhe (Meldebestand oder Bestellpunkt) erreicht bzw. unterschreitet. Im Bestellpunktverfahren mit fester Bestellmenge wird bei Erreichen des Bestellbestandes eine festgelegte Menge bestellt. Im Bestellpunktverfahren mit Höchstbestand wird bei Erreichen des Bestellpunktes diejenige Menge bestellt, die den Lagerbestand auf den festgelegten Sollbestand auffüllt. Bei beiden Verfahren sind die Bestellzeitpunkte variabel, da sie sich der Veränderung des Lagerabgangs anpassen."

Die 3 Lagerkennzahlen-Formeln im Überblick

Mindestbestand, Meldebestand und Höchstbestand bauen aufeinander auf.

KennzahlFormelWozuRechenbeispiel
MindestbestandTagesverbrauch × Sicherheitsfaktor (Tage)Puffer, der nie angetastet wird15 × 2 = 30 Ringe
MeldebestandTagesverbrauch × Lieferzeit + SicherheitsbestandAuslöser für Nachbestellung15 × 5 + 30 = 105 Ringe
HöchstbestandSicherheitsbestand + optimale BestellmengeMaximum, das Lager fassen soll30 + 200 = 230 Ringe

Reihenfolge in der Praxis:

  1. Mindestbestand zuerst festlegen (der Puffer), dann
  2. Meldebestand darauf aufbauen (der Bestellpunkt)
  3. zuletzt Höchstbestand prüfen (die Obergrenze).

Wer den Meldebestand setzt, ohne den Mindestbestand zu kennen, rät zwei der drei Variablen.

Die Formel: Meldebestand berechnen mit 3 Variablen

Meldebestand = Tagesverbrauch × Lieferzeit + Sicherheitsbestand

Aufschlüsselung im Detail:

1. Tagesverbrauch (Stück pro Arbeitstag)

Der durchschnittliche Verbrauch eines Artikels pro Tag über einen repräsentativen Zeitraum (und nein, "ungefähr 10 Stück" reicht leider nicht). Wer seinen Tagesverbrauch richtig berechnen will, braucht Daten aus mindestens 4 bis 8 Wochen. Check am besten deine Bestellungen.

2. Lieferzeit (in Arbeitstagen)

Die Zeit zwischen Bestellung und Wareneingang. Nicht die Lieferzeit, die dir der Lieferant verspricht. Sondern die tatsächliche, gemessene Lieferzeit über die letzten Bestellungen.

3. Sicherheitsbestand (Mindestbestand)

Der Puffer für alles, was schiefgehen kann: Lieferant liefert verspätet, Verbrauch steigt unerwartet, Ware kommt beschädigt an. Je unzuverlässiger die Lieferkette, desto höher der Sicherheitsbestand.

Zum interaktiven RechnerTagesverbrauch, Lieferzeit und Sicherheitsbestand eingeben. Ergebnis online, kostenfrei, ohne Anmeldung.

Im Sägezahndiagramm wird das Zusammenspiel sichtbar: Der Bestand fällt schräg ab, springt beim Wareneingang nach oben, und der Meldebestand ist die Linie, die den Abstand zum Sicherheitsbestand bestimmt.

Meldebestand berechnen: Sägezahn-Diagramm mit Bestandsverlauf über die Zeit, Meldebestand, Sicherheitsbestand, Maximalbestand und Bestellmenge

Rechenbeispiel: Meldebestand für einen Verbrauchsartikel

Ein Elektrobetrieb mit 15 Mitarbeitern verbaut regelmäßig PVC Aderleitung H07V-K 1x0,75 Leitung. Die Zahlen:

  • Tagesverbrauch: 15 Ringe pro Arbeitstag (Durchschnitt über 6 Wochen)
  • Lieferzeit: 5 Arbeitstage (tatsächlich gemessen, nicht laut Katalog)
  • Sicherheitsbestand: 30 Ringe (2 Tage Puffer für Lieferverzögerungen)

Einsetzen in die Formel:

Meldebestand = 15 × 5 + 30 = 105 Ringe

Sobald der Bestand auf 105 Ringe fällt, wird nachbestellt. Die neue Lieferung braucht 5 Tage. In diesen 5 Tagen verbraucht der Betrieb 75 Ringe (15 × 5). Es bleiben 30 Ringe als Puffer. Trifft die Lieferung pünktlich ein, wird der Sicherheitsbestand nie angetastet.

Und der Höchstbestand? Angenommen, die optimale Bestellmenge liegt bei 200 Ringen. Die Logik: Du bestellst bei 105 Ringen. Während der 5 Tage Lieferzeit verbrauchst du 75 Ringe (15 x 5). Wenn die Lieferung eintrifft, hast du noch 30 Ringe im Lager plus 200 neue. Damit weißt du: Dein Lager braucht Platz für maximal 230 Ringe dieses Kabeltyps, den Höchstbestand für diesen Artikel.

Statt der festen 200 Ringe kannst du auch jedes Mal bis zu einem Zielbestand auffüllen. Das nennt Gabler oben das Bestellpunktverfahren mit Höchstbestand, im Betrieb läuft es als Min-Max. Der Auslöser bleibt der Meldebestand, nur die Bestellmenge schwankt dann mit dem Restbestand.

Sicherheitsbestand: die Grundlage des Meldebestands

Bei dieser Variable liegen die meisten Betriebe daneben. Zu niedrig: Material fehlt trotz Meldebestand. Zu hoch: Kapital liegt unnötig im Lager und die Lagerkosten steigen. Gemeint ist der Puffer, der nie angetastet wird, weiter oben als Mindestbestand geführt. Ohne ihn fehlt dem Meldebestand die Grundlage.

Einfachste Methode: Tagespuffer. Dein Lieferant verspätet sich im Schnitt um 2 Tage? Bei 15 Ringen Tagesverbrauch sind das die 30 Ringe aus dem Beispiel oben. Liefert er zuverlässig auf den Tag? Dann reicht ein halber Tag Puffer. Schwankt der Verbrauch stark, trägt die feste Tagespauschale nicht mehr, und die Formeln zum Mindestbestand führen weiter.

Drei Faktoren bestimmen die Höhe:

  1. Liefertreue des Lieferanten: Wer regelmäßig verspätet liefert, erfordert mehr Puffer. Messe die tatsächliche Liefertreue über 3 bis 6 Monate.
  2. Schwankungen im Verbrauch: Wo das Geschäft eine Hochsaison hat, steigt dort auch der nötige Puffer. Ein Wert für das ganze Jahr trifft dann beide Hälften falsch.
  3. Wiederbeschaffung im Notfall: Manche Artikel holst du am selben Tag beim Händler um die Ecke, andere sind Sonderanfertigungen mit Wochen Vorlauf. Je schlechter ein Artikel kurzfristig zu ersetzen ist, desto höher der Puffer.

Der Sicherheitsbestand ist kein statischer Wert. Lieferant wechselt = Puffer prüfen. Saisonstart = Puffer prüfen. Wer das nicht tut, rechnet mit Zahlen von gestern.

Meldebestand ohne Lieferzeit? Wann die Kurzformel reicht

Manchmal ist die Lieferzeit praktisch null: Du holst Material selbst beim Großhändler ab, oder dein Lieferant hat ein Konsignationslager vor Ort. Oder du bedienst einen Lagerort aus dem eigenen Zentrallager. In diesen Fällen vereinfacht sich die Formel:

Meldebestand = Sicherheitsbestand

Du bestellst nach, sobald nur noch der Puffer übrig ist. Das funktioniert, solange die Abholung oder Nachlieferung tatsächlich am gleichen Tag möglich ist.

In der Praxis ist eine Lieferzeit von null selten. Selbst eine Fahrt zum Großhändler kostet Zeit. Und jede Stunde, die ein Mitarbeiter Material holt statt seine eigentliche Arbeit zu machen, kostet reales Geld. Deshalb lohnt es sich fast immer, die vollständige Formel zu nutzen.

Von der Theorie zur Praxis: Meldebestand im Betrieb umsetzen

Die Formel ist der einfache Teil. Trotzdem sehe ich die Beschaffung immer wieder über Bauchgefühl laufen, weil "wir wissen ja, was wir brauchen". Die fünf Schritte unten sind der Teil, der Arbeit macht.

Schritt 1: Die richtigen Artikel identifizieren

Jeder Artikel, der regelmäßig verbraucht wird, braucht einen Meldebestand. Der Einkaufspreis entscheidet das nicht. Ob ein Fehlteil wehtut, bestimmt der Einsatzort: Dieselbe Schraube ist im Regal ein Cent-Artikel und in der Montagelinie der Grund, warum der Takt steht. Wer nur die teuren Artikel absichert, hat die Fehlteile eben bei den billigen. Was sich unterscheidet, ist die Reihenfolge beim Aufsetzen. Fang bei den Artikeln an, die du am häufigsten anfasst, und arbeite dich beim Organisieren des Lagers durch den Rest. Für den Sonderposten, den du zweimal im Jahr brauchst, gibt es keinen belastbaren Tagesverbrauch, dort reicht eine Erinnerung.

Schritt 2: Verbrauch dokumentieren

Ohne Daten kein Meldebestand. Du brauchst den tatsächlichen Verbrauch über mindestens 4 Wochen. Wer Bestandslisten auf Papier führt, kann das manuell erfassen. Digital geht es schneller und genauer, vor allem weil die Historie erhalten bleibt: Beim nächsten Anpassen rechnest du mit gemessenen Werten statt wieder vier Wochen zu zählen.

Schritt 3: Lieferzeiten messen, nicht schätzen

Lieferzeitangaben vom Lieferanten und Händler sind Marketingversprechen, welche von der Realität oftmals eingeholt werden. Miss die tatsächliche Lieferzeit über 5 bis 10 Bestellungen. Der Durchschnitt ist dein Rechenwert. Der schlimmste Fall bestimmt deinen Sicherheitsbestand.

Schritt 4: Verantwortung festlegen

Klare Verantwortung schlägt jedes Tool. Zettelwirtschaft und Papierlisten überleben nicht, weil sie besser wären, sondern weil unklar ist, wer für die digitale Erfassung zuständig ist. Definiere eine Person, die den Bestand pflegt, mit konkretem Namen statt "das Team", und dazu eine Vertretung. Ohne das scheitert jedes System, egal ob Excel oder Software.

Schritt 5: Regelmäßig anpassen

Verbrauch ändert sich. Lieferanten wechseln. Auftragsvolumen schwankt. Der Meldebestand, den du im Januar berechnet hast, passt im Juli möglicherweise nicht mehr. Prüfe deine Werte mindestens quartalsweise. Nach jedem Lieferantenwechsel sofort.

Meldebestand überwachen: Excel, Software oder Automatisierung?

Drei Wege im Alltag:

  1. Excel-Tabelle (manuell). Funktioniert, solange jemand die Liste wirklich pflegt. Problem: Excel warnt nicht, du musst aktiv nachschauen. Wo die Grenze liegt, zeigt der Vergleich Excel vs. digitale Tools.
  2. Dedizierte Lagersoftware. Überwacht Bestände automatisch und meldet Unterschreitung. Sobald die manuelle Pflege liegen bleibt, der sinnvollere Weg.
  3. Automatische Nachbestellung. Das System bestellt beim hinterlegten Lieferanten, sobald der Meldebestand unterschritten ist. Bei Kleinteilen wie Schrauben spart das am meisten Zeit, weil dort der Bestellaufwand in keinem Verhältnis zum Warenwert steht.

Irgendeine Form der Überwachung muss existieren. Der beste Meldebestand nützt nichts, wenn ihn niemand im Blick hat.

Meldebestand sauber aufsetzen: dein nächster Schritt

Den Tagesverbrauch mit der Lieferzeit multiplizieren und den Sicherheitsbestand addieren dauert 30 Sekunden. Der eigentliche Aufwand steckt in den drei Variablen:

  1. Verbrauch sauber messen
  2. Lieferzeiten realistisch einschätzen
  3. Sicherheitspuffer nicht aus dem Bauch heraus setzen.

Betriebe, die ihren Meldebestand für die Artikel mit stabilem Verbrauch sauber berechnen und regelmäßig anpassen, bestellen seltener zu spät. Das spart Sonderfahrten, Stillstandszeiten und die Nerven aller Beteiligten.

Der nächste Schritt: Nimm fünf Artikel, die du regelmäßig verbrauchst, und rechne den Meldebestand durch. Tagesverbrauch, Lieferzeit, Sicherheitsbestand. Drei Zahlen pro Artikel. In 15 Minuten hast du ein kleines System, das den Unterschied zwischen "Material fehlt" und "Material da" ausmacht.

Häufige Fragen zum Meldebestand

Der Meldebestand, auch Bestellpunkt genannt, ist der Bestand, bei dem die Nachbestellung ausgelöst wird. Er ist so bemessen, dass die Ware eintrifft, bevor der Mindestbestand angebrochen wird. Ohne festgelegten Meldebestand hängt der Bestellzeitpunkt daran, dass jemand rechtzeitig ins Regal schaut.

Christoph Kay

repleno Gründer

Christoph arbeitete fünf Jahre als Elektroniker in der Industrie und hat erlebt, wie fehlende Kleinteile Abläufe ausbremsen. Später betreute er als Projektmanager der P.S. Cooperation GmbH (Böllhoff-Gruppe) systemunterstützte C-Teile-Projekte bei mittelständischen Industrie- und Maschinenbauunternehmen. Heute baut er repleno in Vollzeit, eine Lagerverwaltung, mit der kleine Betriebe Materialbedarf früh erkennen und Nachbestellungen automatisieren.

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