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Bestellpunkt-Verfahren vs. Min-Max: Der ultimative Vergleich der Lagersteuerungsmodelle (2026 Guide)

Bestellpunkt-Verfahren vs. Min-Max verständlich erklärt: Unterschiede, Vorteile, Nachteile, Rechenbeispiele & Praxis-Tipps für die optimale Lagersteuerung.

Aktualisiert: 14 Min. Lesezeit
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TL;DR

Beide lösen am selben Punkt aus. Verschieden ist nur die Bestellmenge. Min-Max ist keine Alternative zum Bestellpunkt-Verfahren, sondern eine seiner beiden Varianten: Das „Min“ ist der Meldebestand.

  • Auslöser in beiden Fällen: der Meldebestand. Im Beispiel unten liegt er bei 150 Stück.
  • Feste Bestellmenge (s,Q): bei 150 wird immer dieselbe Menge Q bestellt. Niedrigere Bestände, mehr Pflegeaufwand.
  • Auffüllen bis Max (s,S): bei 150 wird auf den Zielbestand aufgefüllt. Bestellmenge = Max minus verfügbarer Bestand. Weniger Pflege, höhere Bestände.
  • Nächster Schritt: erst den Meldebestand rechnen, danach pro Artikel die Mengenregel wählen.

Min-Max ist ein Bestellpunkt-Verfahren, kein Gegenentwurf dazu. Beide lösen die Bestellung am selben Punkt aus, dem Meldebestand. Verschieden ist allein die Bestellmenge, und damit rutscht die Frage „welches ist besser?“ eine Ebene tiefer: Steht die Menge schon fest, durch z.B. Gebinde, Mindestbestellmenge oder Staffelpreis? Dann feste Menge. Sonst Auffüllen bis Max.

Ist Min-Max dasselbe wie das Bestellpunkt-Verfahren?

Im Auslöser ja. Das Gabler Wirtschaftslexikon führt beide als Bestellpunktverfahren und unterscheidet sie erst bei der Menge: eine Variante mit fester Bestellmenge, eine mit Höchstbestand, die auf einen Sollbestand auffüllt. Der Bestellpunkt ist in beiden derselbe.

Das „Min“ in Min-Max ist damit der Meldebestand, nicht der Sicherheitsbestand: Es liegt genau um den Verbrauch während der Lieferzeit darüber. Wie du ihn bestimmst, steht im Guide zum Meldebestand berechnen.

Der echte Gegenentwurf ist das Bestellrhythmus-Verfahren: Dort bestellst du zu festen Terminen statt bei einem bestimmten Bestand, und damit löst tatsächlich etwas anderes die Bestellung aus.

Wann bestellst du, und wie viel?

Beide Varianten beantworten im Kern zwei Fragen: Wann bestelle ich? Und wie viel?

  • Feste Bestellmenge (s, Q): Fällt der Bestand auf/unter den Meldebestand s, wird eine feste Menge Q bestellt.
  • Auffüllen bis Max (s, S): Fällt der Bestand auf/unter Min = s, wird so viel bestellt, dass der Bestand wieder Max = S erreicht (Bestellmenge = S − verfügbarer Bestand).

Praxis-Hinweis: Je nach ERP/WMS zählt nicht nur der physische Bestand, sondern der verfügbare Bestand (z.B. abzüglich Reservierungen, zuzüglich offener Zugänge).

Bestellpunktverfahren Sägezahn-Diagramm: Bestandsverlauf über die Zeit mit Meldebestand, Sicherheitsbestand, Höchstbestand und Bestellmenge

Wie rechnest du den Meldebestand, und gilt er für beide Varianten?

Er gilt für beide, und gerechnet wird er nur einmal. Die klassische Formel, im Gabler Wirtschaftslexikon als Sicherheitsbestand zuzüglich des während der Beschaffungszeit erwarteten Verbrauchs beschrieben:

Meldebestand = Tagesverbrauch × Lieferzeit + Sicherheitsbestand

Beispiel:

  • Tagesverbrauch: 20 Stück
  • Lieferzeit: 5 Tage
  • Sicherheitsbestand: 50 Stück

Meldebestand = (20 × 5) + 50 = 150 Stück

Sobald der Lagerbestand 150 erreicht, wird bestellt. Mit dem kostenlosen Rechner kannst du deinen Meldebestand sofort berechnen.

Merke: Der Meldebestand ist verbrauchsorientiert: Er beantwortet das Wann, unabhängig davon, wie viel du dann bestellst.

Wie funktioniert die feste Bestellmenge (s,Q)?

Definition und Funktionsweise

Bei der festen Bestellmenge wird bei Erreichen des Meldebestands immer dieselbe Menge Q bestellt. Woher diese Menge kommt, steht meist schon fest: Gebinde, Mindestbestellmenge des Lieferanten oder eine berechnete Losgröße.

Vorteile der festen Bestellmenge

  • Bestellmenge steht fest und muss nicht je Bestellung ermittelt werden
  • Gebinde und Mindestbestellmengen passen ohne Rundung
  • Niedrigerer Durchschnittsbestand, weil nie über die Losgröße hinaus bestellt wird

Gerade wenn die Menge ohnehin von außen vorgegeben ist, durch Gebinde, Mindestbestellmenge oder Staffelpreis, ist das die übliche Wahl.

Nachteile der festen Bestellmenge

  • Die Menge zieht nicht mit, wenn sich der Verbrauch ändert, sie ist von Hand nachzurechnen
  • Passt schlecht, wenn Regalplatz die Obergrenze setzt
  • Fällt der Bestand zwischen zwei Prüfungen tief unter den Meldebestand, gleicht die feste Menge das nicht aus

Wie funktioniert das Auffüllen bis Max (s,S)?

Definition und Funktionsweise

Beim Auffüllen bis Max werden zwei Bestandsgrenzen hinterlegt:

  • Min = Meldebestand (der Bestellpunkt)
  • Max = Zielbestand (die Menge, auf die aufgefüllt wird)

Erreicht oder unterschreitet der Lagerbestand das Min, wird bis zum Max aufgefüllt. Das Min ist derselbe Auslöser wie beim Verfahren mit fester Bestellmenge; nur die Menge wird anders bestimmt. Die ETH Zürich benennt beide Werte genauso: das Min ist der Bestellpunkt, das Max der Bestand, auf den aufgefüllt wird.

Achtung, häufige Verwechslung: Das Min ist nicht der Mindestbestand im Sinne des Sicherheitsbestands. Der Sicherheitsbestand liegt unter dem Min und ist der Puffer, der beim Eintreffen der Lieferung noch übrig sein soll. Wer beide gleichsetzt, bestellt erst dann, wenn der Puffer schon angebrochen ist.

Min-Max-Verfahren Schema

Merke: Min-Max ist ein „Auffüllen-bis“-Prinzip. Die Bestellmenge ergibt sich aus Max − verfügbarem Bestand (nicht als fixe Menge).

Berechnung von Min und Max

Pragmatisch: „Optimale Bestellmenge“ ist in der Praxis oft einfach die sinnvolle Los-/Packgröße (Gebinde, MOQ, Palettenlage). Wer es genauer will, kann später mit EOQ/Andler nachschärfen.

Beispiel:

  • Meldebestand (Min): 100 Stück
  • Bestellmenge: 300 Stück

Zielbestand = 400 Stück

Merke: Der Zielbestand ist nicht der Höchstbestand. Den Zielbestand stellst du ein, erreicht wird er nie: Während der Lieferzeit verbrauchst du weiter, die Lieferung trifft also auf den Sicherheitsbestand und nicht auf den Meldebestand. Der tatsächlich erreichte Höchstbestand ist Sicherheitsbestand + Bestellmenge und liegt um den Verbrauch während der Lieferzeit tiefer.

Vorteile des Auffüllens bis Max

  • Niemand muss je Bestellung über die Menge nachdenken, sie ergibt sich aus Max minus Bestand
  • Der Zielbestand bildet ab, was ins Regal passt
  • Die Menge zieht mit, wenn der Verbrauch schwankt

Nachteile des Auffüllens bis Max

  • Höhere Lagerbestände
  • Bestellmenge wechselt von Mal zu Mal, Gebinde passen nicht immer dazu
  • Gefahr von Überbeständen, wenn der Zielbestand zu hoch steht

Wie sich Min und Max im Betrieb einspielen, zeigt der Praxisleitfaden zur Min-Max-Lagerverwaltung.

Bestellpunkt-Verfahren vs. Min-Max: Direkter Vergleich

KriteriumFeste Bestellmenge (s,Q)Auffüllen bis Max (s,S)
AuslöserMeldebestandMeldebestand (identisch)
BestellmengeImmer dieselbe Menge QMax minus verfügbarer Bestand
LagerbestandNiedrigerHöher
Aufwand je BestellungMenge einmal festlegen, danach unverändertMenge rechnet sich aus Max minus Bestand
Passt, wennGebinde, Mindestbestellmenge oder Staffelpreis die Menge ohnehin vorgebenPlatz oder Zielbestand die Menge begrenzen, oder der Verbrauch schwankt

Reaktion auf Verbrauchsänderungen

Beide reagieren gleich schnell. Unterschiedlich ist, wie die Menge nachzieht: Max minus Bestand passt sich von selbst an, eine feste Menge musst du nachrechnen.

Lagerkosten und Kapitalbindung

  • Feste Bestellmenge: geringere Kapitalbindung
  • Auffüllen bis Max: höhere Bestände, höhere Lagerkosten

Der Abstand ist kleiner, als die beiden Zeilen vermuten lassen. Steht der Zielbestand auf Meldebestand + Bestellmenge und entnimmst du Stück für Stück, landen beide beim selben Durchschnittsbestand: Auffüllen bis Max bestellt dann genau die feste Menge nach. Auseinander laufen sie erst, wenn der Bestand beim Auslösen schon tief unter dem Meldebestand lag. Wer ein ganzes Gebinde auf einmal mitnimmt, füllt bis Max wieder auf und liegt danach höher, während die feste Menge stur ihr Q drauflegt. Wie schwer das wiegt, hängt an deinem Lagerkostensatz aus Lagerfläche, Kapitalbindung und Schwund pro Artikel und Jahr.

Planungs- und Verwaltungsaufwand

Beide brauchen denselben gerechneten Meldebestand. Ohne System unterscheiden sie sich nur darin, wer die Menge bestimmt: Beim Auffüllen bis Max rechnet das Tool sie aus Max minus Bestand, bei fester Menge legst du sie einmal fest. Wie du dahin kommst, zeigt der Weg zum automatischen Bestellen in fünf Schritten. Woran du ein passendes Tool erkennst: Es speichert beide Werte je Artikel und rechnet die Menge aus Max minus verfügbarem Bestand.

Parameter festlegen (ohne Mathe-Overkill)

Wenn du mit einem sauberen Setup starten willst, reichen oft diese 4 Bausteine. Voraussetzung ist ein organisiertes Lager mit festen Plätzen.

  1. Verbrauch: Ø Verbrauch pro Tag/Woche (am besten aus den letzten 8 bis 12 Wochen, saisonal ggf. getrennt).
  2. Lieferzeit: realistische Lieferzeit (Durchschnitt + Puffer) statt „Katalogwert“.
  3. Sicherheitsbestand: bewusstes Servicelevel (z.B. 95%) + Schwankung berücksichtigen.
  4. Losgröße: Gebinde/Mindestbestellmenge als Start; später ggf. kostenoptimiert verfeinern.

Rechenbeispiele aus der Praxis

Mini-Beispiel: gleicher Artikel, beide Mengenregeln

Angenommen:

  • Ø Verbrauch: 20 Stück/Tag
  • Lieferzeit: 5 Tage
  • Sicherheitsbestand: 50 Stück
  • Losgröße/Packgröße: 300 Stück

Dann:

  • Bestellpunkt s = 20 × 5 + 50 = 150 Stück
  • Feste Bestellmenge (s, Q): Wenn Bestand ≤ 150 → bestelle Q = 300
  • Min-Max (s, S): Min = 150, Zielbestand = 150 + 300 = 450 → wenn Bestand ≤ 150 → bestelle (450 − verfügbarer Bestand). Erreicht wird nach Lieferung ein Höchstbestand von 50 + 300 = 350 Stück, weil während der 5 Tage Lieferzeit 100 Stück verbraucht werden.

Praxisfall 1: Ware kommt nur im 100er-Gebinde
Feste Bestellmenge, weil die Packgröße die Menge ohnehin vorgibt

Praxisfall 2: ein Regalfach, schwankender Verbrauch
Auffüllen bis Max, weil das Fach die Obergrenze setzt und die Menge mitzieht

Welche Fehler machen Betriebe in der Praxis?

Fehler 1: Sicherheitsbestand zu niedrig angesetzt

Viele Unternehmen setzen den Sicherheitsbestand „aus dem Bauch“ an, also genau den Puffer, der Lieferverzug und Verbrauchsspitzen abfangen soll. Besser: erst ein Servicelevel wählen (z.B. 95%) und den Sicherheitsbestand aus der Verbrauchsschwankung ableiten.

Einfacher Start (wenn Lieferzeit relativ stabil ist):

Sicherheitsbestand = z × σ(Verbrauch) × √(Lieferzeit)

Typische z-Werte: 90% ≈ 1,28, 95% ≈ 1,65, 99% ≈ 2,33. Wenn Lieferzeiten stark schwanken, sollte auch diese Streuung berücksichtigt werden (oder du kalibrierst anhand realer Stockouts).

Fehler 2: Lieferzeiten falsch kalkuliert

Oft werden nur die vom Lieferanten angegebenen Lieferzeiten verwendet. In der Realität solltest du den Durchschnitt der letzten 12 Lieferungen plus eine Pufferzeit von 10-20% einrechnen.

Fehler 3: Mengenregel nach dem Artikelwert gewählt

Ob eine feste Menge oder Auffüllen bis Max passt, entscheidet die Menge selbst: Gibt ein Gebinde sie vor, oder soll sie mit dem Verbrauch mitziehen? Der Einkaufswert sagt dazu nichts. Die ABC-Analyse misst den Wertanteil und beantwortet diese Frage bewusst nicht.

Fehler 4: Fehlende regelmäßige Überprüfung

Verbrauch und Lieferzeiten ändern sich, der einmal gesetzte Meldebestand nicht. Quartalsweise nachrechnen reicht in den meisten Betrieben; bei saisonalen Schwankungen oder Produktwechseln monatlich.

Checkliste: Welches Verfahren passt zu deinem Unternehmen?

Jeder Artikel braucht einen Meldebestand. Die Checkliste entscheidet nur die Bestellmenge.

Feste Bestellmenge wählen, wenn:

  • Gebinde oder Mindestbestellmenge die Menge ohnehin vorgeben
  • ein Staffelpreis ab einer bestimmten Menge greift
  • die Menge selten wechselt und einmal festgelegt reicht

Auffüllen bis Max wählen, wenn:

  • Regalplatz oder Fachgröße die Obergrenze setzen
  • der Verbrauch schwankt und die Menge mitziehen soll
  • niemand pro Bestellung über die Menge nachdenken soll

Pro Artikel entscheiden, wenn:

  • dein Sortiment beide Muster enthält
  • Lagerplatz und Kapitalbindung sich je Artikel stark unterscheiden

Fazit: Welches Verfahren ist besser?

Die Entscheidung hängt daran, ob die Menge schon feststeht, nicht am Wert des Artikels:

  • Gebinde, Mindestbestellmenge oder Staffelpreis geben sie vor: feste Bestellmenge
  • Platz, Zielbestand oder schwankender Verbrauch bestimmen sie: Auffüllen bis Max

Der Meldebestand ist in beiden Fällen derselbe und will regelmäßig überprüft werden. Er ist die eigentliche Stellschraube.

FAQs zu Bestellpunkt-Verfahren vs. Min-Max

Nur die Bestellmenge. Beide bestellen beim Erreichen des Meldebestands. Beim Verfahren mit fester Bestellmenge kommt jedes Mal dieselbe Menge, bei Min-Max wird auf den Zielbestand aufgefüllt.

Christoph Kay

repleno Gründer

Christoph arbeitete fünf Jahre als Elektroniker in der Industrie und hat erlebt, wie fehlende Kleinteile Abläufe ausbremsen. Später betreute er als Projektmanager der P.S. Cooperation GmbH (Böllhoff-Gruppe) systemunterstützte C-Teile-Projekte bei mittelständischen Industrie- und Maschinenbauunternehmen. Heute baut er repleno in Vollzeit, eine Lagerverwaltung, mit der kleine Betriebe Materialbedarf früh erkennen und Nachbestellungen automatisieren.

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