ABC bestimmt den Steuerungsaufwand; Verbrauchsschwankung, Kritikalität und Lieferzeit bleiben separate Kriterien
Für Lagerplätze zählt oft eine zweite ABC-Auswertung nach Entnahmehäufigkeit statt nach Wert
80 Artikel liegen im Lager. Drei davon verursachen fast 80 Prozent des jährlichen Verbrauchswerts. Genau diese Verteilung macht die ABC-Analyse sichtbar. Sie zeigt, welche Artikel eng gesteuert werden müssen, wo ein Standardprozess reicht und bei welchen Positionen der Bestellaufwand teurer werden kann als das Material.
Eine belastbare Auswertung beginnt mit der Definiton eines klaren Ziels:
Willst du Kapital und Beschaffungsaufwand steuern, sortierst du nach Verbrauchswert.
Willst du Laufwege im Lager verkürzen, sortierst du nach Entnahmehäufigkeit.
Wer beide Ziele in eine Spalte presst, bekommt eine saubere Tabelle und trotzdem falsche Entscheidungen.
Was ist die ABC-Analyse im Lager?
Die ABC-Analyse ordnet Artikel nach ihrer relativen Bedeutung in drei Klassen. Für die klassische Bestands- und Beschaffungssteuerung nutzt du meist den jährlichen Verbrauchswert:
Ein teurer Artikel mit kleinem Jahresverbrauch kann denselben Verbrauchswert erreichen wie ein günstiger Artikel, der täglich aus dem Lager geht. Deshalb reicht der Stückpreis allein nicht. Auch der aktuelle Lagerwert beantwortet eine andere Frage: Er zeigt, wie viel Kapital heute im Regal liegt, nicht welchen Wert ein Artikel über ein ganzes Jahr bewegt.
SAP unterscheidet bei der Materialklassifizierung unter anderem Verbrauchs- und Bedarfswert. Oracle NetSuite verwendet für die ABC-Kategorisierung den jährlichen Verbrauchswert aus Jahresverbrauch und Stückkosten. Für diesen Guide nutzen wir diese klassische Variante.
Das Pareto-Prinzip dahinter
Vilfredo Pareto beobachtete Ende des 19. Jahrhunderts, dass ein kleiner Teil der italienischen Bevölkerung einen großen Teil des Landbesitzes hielt. Daraus entstand das Pareto-Prinzip, oft als 80/20-Regel bezeichnet.
H. Ford Dickie übertrug die Logik von Pareto 1951 auf Bestände. Sein Aufsatz trug den Titel „ABC Inventory Analysis Shoots for Dollars, not Pennies“. Die ABC-Analyse sollte Einkauf und Lager helfen, ihre begrenzte Zeit auf die Artikel mit dem größten wirtschaftlichen Hebel zu konzentrieren.
80/20 bleibt ein Richtwert. Ein Sortiment kann bei 72/18/10 landen oder eine einzelne Position kann bereits 40 Prozent des Verbrauchswerts ausmachen. Die Verteilung deines Lagers entscheidet, wo sinnvolle Grenzen liegen.
ABC-Klassen: Was A-, B- und C-Artikel bedeuten
Klasse
Verbrauchswert (typisch)
Anteil der Artikelpositionen (typisch)
Steuerungsbedarf
A-Artikel
70–80 %
10–20 %
Hoch: Wert, Bestand und Lieferfähigkeit eng prüfen
„Anteil der Artikelpositionen“ ist hier entscheidend. A beschreibt wenige unterschiedliche Artikelnummern, keine zwingend kleine Verbrauchsmenge. Ein günstiger Karton kann wegen hoher Jahresmenge in A landen. Eine selten verkaufte Maschine kann trotz hohem Stückpreis in B oder C landen.
Insight aus der Praxis von Christoph
Bei einem repleno-Kundenprojekt haben wir genau diese Klassifizierung für die Rollout-Reihenfolge genutzt. Ein Lieferant hatte uns eine Artikelliste über alle Bestellungen der letzten zwölf Monate geschickt. Das Schaltersortiment war für 31 Prozent aller wichtigen Bestellungen verantwortlich, gefolgt vom Verteilerbau mit 23 Prozent und Rohren/Kanälen mit 16 Prozent. Genau in dieser Reihenfolge haben wir die Einführung von repleno und die Aufnahme der Artikel sowie Bestände gestartet. Der Kunde kämpfte vorher mit Fehlteilen, deshalb sollte die erste Verbesserung schnell sichtbar werden. Wer bei den am häufigsten bestellten Warengruppen startet, deckt mit begrenztem Aufwand den größten Teil des Tagesgeschäfts ab und sieht am schnellsten, ob der neue Prozess trägt.
ABC-Analyse berechnen: sechs Schritte
1. Zielgröße festlegen
Nutze den Verbrauchswert, wenn du Beschaffung, Kapitalbindung oder Dispositionsaufwand priorisieren willst. Für Sortimentsentscheidungen können Umsatz oder Deckungsbeitrag besser passen. Für Lagerplätze und Kommissionierwege brauchst du eine separate Bewegungs-ABC nach Picks oder Entnahmen.
2. Zeitraum und Preislogik vereinheitlichen
Zwölf rollierende Monate sind für viele Betriebe ein brauchbarer Start. Verwende für alle Artikel dieselbe Preisart, etwa den durchschnittlichen Einstandspreis. Ziehe Retouren sauber ab und prüfe einmalige Projektaufträge, Aktionen oder Großbestellungen. Sonst schiebt ein Ausreißer einen normalen C-Artikel für Monate in A.
Der umgekehrte Fehler wiegt schwerer: Ein Artikel, der monatelang nicht lieferbar war, zeigt einen künstlich niedrigen Verbrauch und rutscht dadurch in eine zu niedrige Klasse. Die Auswertung misst dann nicht den Bedarf, sondern die Lücke. Prüfe bekannte Fehlteile deshalb gesondert und korrigiere ihre Menge auf den tatsächlichen Bedarf, bevor du rechnest.
3. Verbrauchswert je Artikel berechnen
Multipliziere die Jahresverbrauchsmenge mit dem Einstandspreis. Addiere anschließend alle Artikelwerte zum Gesamtverbrauchswert.
4. Artikel absteigend sortieren
Der Artikel mit dem höchsten Jahresverbrauchswert steht oben. Erst nach dieser Sortierung kannst du sinnvolle kumulierte Anteile bilden.
5. Wertanteile kumulieren und Klassen zuweisen
Anteil am Gesamtverbrauchswert
Wertanteil je Artikel = (Jahresverbrauchswert des Artikels ÷ Gesamtverbrauchswert) × 100
Kumulierter Anteil
Kumulierter Wertanteil = (Summe der Verbrauchswerte bis Position n ÷ Gesamtverbrauchswert) × 100
Für den Einstieg kannst du A bis 80 Prozent, B bis 95 Prozent und C für den Rest setzen. Lege vorher fest, wie du mit einem Artikel umgehst, der eine Grenze überspringt. Im folgenden Beispiel entscheidet der kumulierte Wert nach jeder Zeile: bis einschließlich 80 Prozent A, bis einschließlich 95 Prozent B, darüber C.
6. Ergebnis fachlich prüfen
Markiere neue Artikel, kritische Ersatzteile, verderbliche Ware, sperrige Teile und Artikel mit langen Lieferzeiten. Diese Merkmale können eine eigene Bestandsregel verlangen. Aktualisiere die Klassen halbjährlich, bei saisonalen oder schnell wechselnden Sortimenten quartalsweise.
Rechenbeispiel: Onlinehändler für Büromaterial
Ein kleiner Onlinehändler wertet zehn Kernartikel aus. Die Spalte „Jahresmenge“ enthält die Lagerabgänge der letzten zwölf Monate. Alle Werte basieren auf durchschnittlichen Einstandspreisen.
Artikel
Jahresmenge
Einstandspreis
Verbrauchswert
Kumuliert
Klasse
Kopierpapier A4 (Palette)
120
350 €
42.000 €
47,7 %
A
Bürostühle
120
150 €
18.000 €
68,2 %
A
Aktenordner
1.800
5 €
9.000 €
78,4 %
A
Druckerpatronen
300
25 €
7.500 €
86,9 %
B
Schreibtischlampen
150
30 €
4.500 €
92,0 %
B
Kugelschreiber (Karton)
100
25 €
2.500 €
94,9 %
B
Notizblöcke
625
4 €
2.500 €
97,7 %
C
Heftklammern
400
3 €
1.200 €
99,1 %
C
Radiergummis
300
2 €
600 €
99,8 %
C
Büroklammern
100
2 €
200 €
100,0 %
C
Beispiel
Der Händler bewegt in zwölf Monaten Waren mit 88.000 Euro Verbrauchswert.
=Kopierpapier, Bürostühle und Aktenordner ergeben zusammen 69.000 Euro. 69.000 ÷ 88.000 × 100 = 78,4 Prozent → A-Klasse.
Drei von zehn Artikelpositionen erzeugen 78,4 Prozent des Verbrauchswerts. Das ist die wirtschaftliche Sicht. Für die Platzierung im Lager könnte das Ergebnis anders aussehen: Notizblöcke können häufiger gepickt werden als Bürostühle und gehören dann trotz C-Wertklasse näher an den Packtisch. Der Guide zum Lager organisieren nutzt deshalb eine Bewegungs-ABC für kurze Laufwege.
ABC-Analyse in Excel
Eine Tabellenkalkulation reicht für den Start. Beispiel mit Jahresmenge in Spalte B, Einstandspreis in C und Verbrauchswert in D:
Verbrauchswert in D2:=B2*C2
Wertanteil in E2:=D2/SUMME($D$2:$D$11)
Kumulierter Anteil in F2:=SUMME($E$2:E2)
Klasse in G2:=WENN(F2<=80%;"A";WENN(F2<=95%;"B";"C"))
Sortiere Spalte D absteigend, bevor du die Formeln für den kumulierten Anteil nach unten ziehst. Formatiere E und F als Prozent. Bei mehreren Lagerorten solltest du zusätzlich entscheiden, ob du Artikel über alle Standorte zusammenfasst oder je Standort klassifizierst. Derselbe Artikel kann am Hauptlager A und in einer kleinen Filiale C sein.
Prompt für deinen KI-Assistenten
Gib diesen Prompt Gemini, Claude oder ChatGPT.
Du bist Experte für Excel und ABC-Lageranalyse. Erstelle die Analyse Schritt für Schritt mit deutschen Excel-Formeln.
Welche Lagerregeln zu A, B und C passen
Die ABC-Klasse bestimmt, wie viel Steuerungsaufwand wirtschaftlich vertretbar ist. Sie bestimmt nicht allein Bestellmenge oder Sicherheitsbestand.
Klasse
Sinnvolle Ausgangsregel
Zusätzliche Prüfung
A
Bestand häufig prüfen, Zählfehler schnell klären, kleinere Bestellmengen und verlässliche Lieferanten prüfen
Lieferzeit, Servicegrad, Preisrisiko, XYZ-Klasse
B
Standardisierte Min-Max- oder Bestellpunkt-Regeln, regelmäßige Ausnahmenprüfung
Saison, Mindestbestellmenge, Lagerplatz
C
Bestellungen bündeln, einfache Zwei-Behälter- oder Min-Max-Regel, Verwaltungsaufwand reduzieren
Kritikalität, Haltbarkeit, Volumen, Obsoleszenz
Bei A-Artikeln kostet Überbestand viel Kapital. Engere Kontrolle und belastbare Bestandsdaten lohnen sich. B-Artikel sollten im Standardprozess laufen. Bei C-Artikeln liegt der größte Hebel oft im Prozess: Eine Bestellung, Freigabe und Wareneingangsbuchung kann intern mehr kosten als der Artikel. Der Guide zum C-Teile-Management zeigt diese Kostenlogik im Detail.
„C“ bedeutet trotzdem nicht unwichtig. Eine Zwei-Euro-Dichtung kann eine Maschine oder einen Auftrag stoppen. Solche Teile brauchen eine Kritikalitätsmarkierung und oft einen höheren Sicherheitsbestand. ABC bewertet Geldfluss. Die Ausfallwirkung bleibt eine zweite Achse.
Für ein repleno-Projekt habe ich die ABC-Analyse für den Kunden übernommen: Ein Lieferant hatte uns eine Artikelliste über alle Bestellungen der letzten zwölf Monate geschickt. Aus den Bestellhäufigkeiten habe ich eine ABC-Analyse erstellt und daraus abgeleitet, mit welchen Warengruppen die Digitalisierung zuerst startet. Der Rest folgte in späteren Phasen.
Vor- und Nachteile der ABC-Analyse
Vorteile:
Du erkennst, welche Artikel den größten wirtschaftlichen Hebel haben
Eine Tabellenkalkulation reicht für die erste Auswertung
Einkauf, Inventur und Disposition können ihren Aufwand nach Klassen staffeln
Klassen machen große Sortimente schneller diskutierbar
Grenzen:
Die Methode betrachtet immer nur die gewählte Zielgröße
Falsche Preise, fehlende Entnahmen und einmalige Großaufträge verzerren das Ergebnis
Neue Artikel ohne Historie landen schnell in der falschen Klasse
Feste Prozentgrenzen können bei kleinen Sortimenten künstliche Trennlinien erzeugen
Kritikalität, Verbrauchsschwankung und Lieferzeit fehlen
Typische Fehler bei der ABC-Klassifizierung
Umsatz und Verbrauchswert verwechseln. Umsatz eignet sich für Absatz- oder Sortimentsfragen. Für die Beschaffungssteuerung ist der Verbrauchswert auf Kostenbasis meist aussagekräftiger.
Aktuellen Lagerbestand als Jahreswert lesen. Ein hoher Bestandswert kann auf Überbestand hinweisen. Er zeigt aber nicht, welche Artikel über zwölf Monate den größten Wertverbrauch erzeugen.
Grenzen blind übernehmen. 80 und 95 Prozent sind Startwerte. Prüfe, ob direkt an der Grenze zwei fast identische Artikel künstlich getrennt werden.
C-Artikel ausblenden. Geringer Wert senkt den wirtschaftlich sinnvollen Kontrollaufwand. Kritische Teile brauchen trotzdem eine klare Verfügbarkeitsregel.
Klassen nie aktualisieren. Preise, Nachfrage und Sortiment verändern sich. Speichere Zeitraum, Preisbasis und Datum der Berechnung, damit spätere Auswertungen vergleichbar bleiben.
ABC-Analyse und XYZ-Analyse kombinieren
Die XYZ-Analyse ergänzt den Wert um die Regelmäßigkeit des Verbrauchs. Gemessen wird sie über den Variationskoeffizienten: Du teilst die Standardabweichung der Verbrauchsmengen durch den durchschnittlichen Verbrauch. Als Datenbasis dienen die Verbrauchsmengen je Monat über mindestens zwölf Monate.
Grundlage der XYZ-Klassifizierung
Variationskoeffizient = (Standardabweichung des Verbrauchs ÷ durchschnittlicher Verbrauch) × 100
In der deutschen Materialwirtschaft sind für die Klassengrenzen diese Werte üblich:
X: Variationskoeffizient bis 25 Prozent, konstanter, gut planbarer Verbrauch
Y: Variationskoeffizient 25 bis 50 Prozent, schwankender oder saisonaler Verbrauch
Z: Variationskoeffizient ab 50 Prozent, unregelmäßiger, schwer prognostizierbarer Verbrauch
In einer Tabellenkalkulation rechnest du das je Artikel über seine zwölf Monatswerte mit =STABW.S(B2:M2)/MITTELWERT(B2:M2). Englischsprachige Quellen setzen die Grenzen oft bei 50 und 100 Prozent statt bei 25 und 50. Beide Konventionen sind gebräuchlich, sie ergeben aber unterschiedliche Klassen. Lege deine Grenzen einmal fest und halte sie über alle Auswertungen durch, sonst sind zwei Läufe nicht vergleichbar.
Ein AX-Artikel hat hohen Verbrauchswert und stabile Nachfrage. Du kannst ihn eng planen und häufig in kleineren Mengen beschaffen. Ein AZ-Artikel bindet viel Wert, lässt sich aber schlecht prognostizieren; hier zählen Lieferantenabsprachen und eine bewusste Entscheidung zwischen Lagerhaltung und Beschaffung auf Auftrag. Ein CX-Artikel ist günstig und regelmäßig nötig. Dafür passen einfache Min-Max-, Kanban- oder Zwei-Behälter-Regeln oft gut. Ein CZ-Artikel braucht eine Einzelfallprüfung, bevor du Bestand aufbaust.
CZ ist dabei die schwierigste Kombination. Niedriger Wert und unregelmäßiger Verbrauch bedeuten zusammen, dass sich diese Artikel weder sinnvoll prognostizieren lassen noch je oben auf der Prüfliste stehen. Genau deshalb entstehen hier beide Fehler gleichzeitig: Totbestand bei den Artikeln, die niemand kontrolliert, und ein Fehlteil bei dem einen CZ-Artikel, den ein Auftrag plötzlich braucht. Eine feste Regel je Artikel, etwa Zwei-Behälter oder eine bewusste Entscheidung gegen Bestand, ist hier verlässlicher als der Versuch, den Verbrauch vorherzusagen.
So setzt du das Ergebnis um
Starte mit zwölf Monaten Verbrauchsdaten und einem einheitlichen Einstandspreis. Berechne die Klassen, markiere kritische Ausnahmen und gib jeder Klasse zwei oder drei konkrete Regeln. Prüfe nach einem Quartal, ob Bestandswert, Fehlmengen und Bestellaufwand sinken.
Sie ordnet Lagerartikel nach einer festgelegten Zielgröße in A, B und C. Für Beschaffung und Bestandssteuerung eignet sich meist der jährliche Verbrauchswert aus Jahresverbrauchsmenge mal Einstandspreis. A-Artikel tragen den größten Wertanteil, C-Artikel den kleinsten.