TL;DR
- Barcode: am günstigsten, am wartungsärmsten, funktioniert auch mit "schmutzigen Händen"
- QR-Code: wie Barcode, nur flexibler (Infos/Links, Doku, Wartung), plus Fehlerkorrektur
- RFID: stark bei vielen Teilen auf einmal ohne Sichtkontakt, aber sensibel je nach Umgebung und Material
Du willst dein Lager digitalisieren/organisieren und jetzt stehst du vor der Entscheidung: RFID, Barcode oder QR-Code?
Auf dem Papier klingt RFID "am modernsten", QR "am flexibelsten" und Barcode "irgendwie von gestern"?
Die entscheidenden Fragen sind:
- Wie viele Artikel erfasst du täglich? (10, 100 oder 500+)
- Einzeln nacheinander oder viele auf einmal?
- Ist manuelles Scannen ok oder muss es automatisch gehen?
Dieser Artikel beantwortet konkret:
- Was kostet jede Technologie wirklich?
- Wann rechnet sich was?
- Welche Fehler vermeiden?
- Wie entscheidest du in 60 Sekunden?
Am Schluss weißt du genau, welche Technologie zu deinem tatsächlichen Durchsatz und Budget passt.
Was ist ein Barcode und wofür ist er gut?
Ein klassischer 1D-Barcode (z. B. EAN-13/UPC, GS1-128/Code 128) besteht aus Linien und ist für schnelles Scannen gemacht.
Er ist überall, weil er simpel ist: drucken, kleben, scannen, fertig.
Vorteile:
- Minimale Kosten (0,02–0,05 € pro Etikett)
- Funktioniert mit jedem Smartphone
- Robust: funktioniert auch mit Handschuhen, Schmutz, schwierigem Licht
- Keine oder minimale Schulung nötig
- Breite Scanner-Verfügbarkeit
Nachteile:
- Jeder Artikel muss einzeln gescannt werden (Sichtkontakt nötig)
- Bei vielen Artikeln zeitaufwändig
- Etiketten können beschädigt/verschmiert werden
- Keine Zusatzinfos speicherbar (nur ID)
Hinweis (EU): EAN‑13/GS1‑128 sind verbreitet. Mit GS1 Application Identifiers (z. B. (01) GTIN, (10) Los, (17) MHD, (21) Seriennr.) lassen sich Zusatzdaten kodieren.
Weiterführend: GS1-Standards (DE)
Was ist ein QR-Code und wann ist er besser als ein Barcode?
QR-Codes sind international standardisiert (ISO/IEC 18004) und können deutlich mehr Informationen tragen.
Sie haben außerdem definierte Fehlerkorrektur-Level, was sie in der Praxis toleranter gegen kleine Schäden macht.
Vorteile:
- Wie Barcode: minimale Kosten, Smartphone reicht
- Deutlich mehr Speicherplatz (URLs, Texte, Datenblätter)
- Fehlerkorrektur: funktioniert auch bei leichten Beschädigungen
- Kann direkt zu Online-Ressourcen verlinken (Anleitungen, Videos)
- Flexibel für Wartung und Dokumentation
Nachteile:
- Wie Barcode: einzeln scannen, Sichtkontakt nötig
- Links müssen gepflegt werden (sonst "führt ins Nirgendwo")
- Zu klein gedruckt = schwer scanbar
- Benötigt Internet-Zugang für externe Inhalte
DataMatrix (GS1-DataMatrix): Wann ist es besser als QR?
DataMatrix ist ein 2D-Code wie QR, in der Industrie sehr verbreitet – insbesondere bei kleinen Flächen oder Direktmarkierung (DPM).
Vorteile:
- Sehr klein druckbar, hohe Datendichte (ideal für kleine Bauteile)
- Industriestandard, unterstützt GS1 Application Identifiers (GS1‑DataMatrix)
- Robust in Produktionsumgebungen/DPM
Nachteile:
- Smartphone-Support uneinheitlich (oft spezielle App nötig)
- 2D-Imager/Industriescanner empfohlen
- Wie QR: Sichtkontakt nötig
Was ist RFID und wann macht es Sinn?
RFID liest per Funk und kann Tags ohne Sichtkontakt erfassen.
Der große Trumpf ist Pulkerfassung: viele Tags werden im Feld nahezu gleichzeitig gelesen.
In der GS1-EPC-Welt ist das über Standards wie EPC Gen2 / ISO 18000-6C beschrieben, inklusive Air-Interface und Anti-Kollisionsmechanismen. (GS1 Germany)
Vorteile:
- Kein Sichtkontakt nötig – Tags können auch in Behältern gelesen werden
- Pulkerfassung – hunderte Tags gleichzeitig erfassen (massive Zeitersparnis)
- Automatisierung – "durchlaufen statt scannen" (z. B. Wareneingang-Gate)
- Beschreibbar (falls vorgesehen) – z. B. User-Memory für Statusdaten
- Robust gegen Schmutz – funktioniert auch wenn verschmutzt
Nachteile:
- Hohe Einstiegskosten (650–1.800 € für Reader/Antenne)
- Tag-Kosten (0,10–1,00 € pro Tag vs. 0,02–0,05 € Barcode)
- Setup-Aufwand – Zonen, Felder, Abschirmung müssen geplant werden
- Materialabhängig – Metall/Wasser können Lesungen stören (NIST SP 800-98)
- Wartung nötig – System muss kalibriert und getestet werden
- Security-Risiken – Datenschutz und Zugriffsschutz müssen bedacht werden
RFID-Frequenzen kurz erklärt (LF/HF/NFC/UHF)
- LF (125/134 kHz): sehr kurze Reichweite, robust gegenüber Wasser/Metall; selten für Lagerartikel.
- HF/NFC (13,56 MHz, ISO 15693/14443): wenige Zentimeter, toleranter bei Wasser; Smartphones lesen NFC.
- UHF (860–960 MHz, EPC Gen2): Meterreichweite und Pulkerfassung; Metall/Wasser anspruchsvoll; on‑metal‑Tags, Abstand und Antennen-Setup nötig. EU-Regelwerk: ETSI 865–868 MHz.
- Hinweis: Smartphones lesen nur HF/NFC, nicht UHF – für UHF sind Reader/Handhelds nötig.
Was kostet das im Alltag wirklich (nicht im Prospekt)?
Exakte Preise schwanken. Entscheidend ist: Was kostet der Start für 100 Artikel?
| Technologie | Einstieg (einmalig) | Pro Artikel/Tag | Start mit 100 Artikeln |
|---|---|---|---|
| Barcode | 0–200 € (Scanner optional, Smartphone reicht) | ~0,02–0,05 € (Etiketten-Druck) | 2–205 € |
| QR-Code | 0 € (Smartphone-Kamera reicht) | ~0,02–0,05 € (Etiketten-Druck) | 2–5 € |
| RFID | 650–1.800 € (Reader + Antenne) | 0,10–1,00 € (passive Tags) | 660–1.900 € |
Die Kostenfrage ist einfach: Für typische KMU-Starts (100–500 Artikel) kostet Barcode/QR ca. 2–205 €, RFID ca. 660–1.900 €.
RFID rechnet sich, wenn du täglich hunderte Artikel gleichzeitig erfassen musst.
Barcode/QR rechnen sich, wenn du einzelne Entnahmen trackst und niedrige Einstiegskosten brauchst.
Was ist im Handwerksalltag am robustesten?
Alle drei Technologien funktionieren – aber unter unterschiedlichen Bedingungen.
Barcode: Am robustesten für einzelne Scans.
Funktioniert auch mit Handschuhen, Schmutz, schwachem Licht. Etiketten können aber verschmieren.
QR-Code: Wie Barcode, plus Fehlerkorrektur.
Toleranter gegen Beschädigungen, aber nur wenn groß genug gedruckt und Links gepflegt werden.
RFID: Am robustesten gegen Verschmutzung (kein Sichtkontakt nötig).
Aber: Setup-Fehler, Materialeffekte (Metall/Wasser) und Frequenzwahl können Zuverlässigkeit beeinflussen.
Praxis-Beispiel: Warum Scan-Apps oft Barcode nutzen
Tools zur Materialverwaltung setzen häufig auf Barcodes, weil:
- Jedes Smartphone kann scannen (keine Extra-Hardware)
- Funktioniert sofort, ohne Setup
- Für typische KMU-Mengen (100–500 Artikel) ist "ein Scan = eine Entnahme" völlig ausreichend
- Barcodes sind in der Regel auf den Verpackungen des Lieferanten zu finden, QR-Codes und RFID-Tags müssen oft selbst angebracht werden
- Kosten: praktisch null
RFID macht Sinn, wenn du täglich mehrere hundert Teile gleichzeitig erfassen musst (z. B. Wareneingang großer Gebinde) – dann amortisiert sich die Investition durch massive Zeitersparnis.
Wie schnell ist das wirklich (unter Zeitdruck)?
Barcode/QR: ~2–5 Sekunden pro Scan.
Bei 50 Artikeln: ca. 2–4 Minuten.
Bei 500 Artikeln: ca. 20–40 Minuten (wird unpraktisch).
RFID: Hunderte Tags in Sekunden (Bulkscanning).
Bei 500 Artikeln: ca. 10–30 Sekunden (wenn Setup korrekt).\
Daumenregel:
Bis ~100 Artikel/Tag: Barcode/QR sind schnell genug.
Ab ~500+ Artikel/Tag: RFID spart echte Zeit (wenn Setup stabil läuft).
Welche Fehler passieren typischerweise?
Barcode
- Etikett beschädigt/verschmiert
- falsches Barcode-Etikett am Behälter
QR-Code
- Etikett beschädigt/verschmiert
- falscher QR am Behälter
- zu klein gedruckt oder schlecht platziert
- "QR führt ins Nirgendwo" (wenn Links/Doku nicht gepflegt werden)
RFID
- Setup-Fehler (Zonen, Feld, Abschirmung)
- Materialeffekte (Metall/Wasser) je nach Frequenz und Anwendung
- Security/Privacy muss mitgedacht werden (NIST behandelt Risiken und Maßnahmen)
- falsches RFID-Label am Behälter
Sicherheit & Datenschutz: Mini-Check
- QR: nur eigene Domains verlinken, Links versionieren, optional GS1 Digital Link und Verifier nutzen.
- RFID: Access-Passwort/Kill-Befehl (UHF) konfigurieren, Lesezonen definieren/abschirmen, Protokollierung, Datenschutz-Hinweise.
Welche Praxisbeispiele passen für Handwerk, Werkstatt, Lager?
Beispiel 1: Verbrauchsmaterial (Elektro/SHK)
Situation: Kisten mit "Wago", "Schellen", "Schrauben"
Lösung: Barcode-Etikett an Kiste, Scan beim Entnehmen
Ergebnis: weniger "leer gemeldet", weniger Expressfahrten
Beispiel 2: Maschinen/Werkzeuge
Situation: Maschinen mit Wartungsintervallen
Lösung: QR am Gerät, Web-Link zu Anleitung + Wartungsintervall + Foto vom Soll-Zustand
Ergebnis: weniger Nachfragen, weniger "wie war das nochmal?"
Beispiel 3: Wareneingang mit vielen Teilen
Situation: Großer Wareneingang, viele Kleinteile
Lösung: RFID nur dann, wenn du definierte Lesepunkte/Zonen hast
Ergebnis: weniger manuelles Zählen, wenn Setup stabil ist
Welche Entscheidung passt zu dir? Mini Decision Flow
3 Fragen, 60 Sekunden
Hier ist die Abkürzung für deine Strategie. Gehe diese Logik von oben nach unten durch:
1. Pulkerfassung nötig?
(Musst du 50+ Teile in einer Sekunde erfassen, ohne sie einzeln anzufassen?)
➔ JA: Dein Weg führt zu RFID (UHF). Bereite dich auf Hardware-Investitionen und ein Pilotprojekt vor.
➔ NEIN: Gehe zu Frage 2.
2. Informationsbedarf am Objekt?
(Reicht die Artikelnummer oder brauchst du Links zu Anleitungen, Wartungsprotokollen oder Fotos?)
➔ JA: Nutze den QR-Code. Er ist der Allrounder für Dokumentation und Smartphone-Scans.
➔ NEIN: Gehe zu Frage 3.
3. Platzmangel oder Industriestandard?
(Ist das Bauteil extrem klein oder musst du GS1-Daten wie MHD/Charge direkt aufbringen?)
➔ JA: Wähle DataMatrix. Hohe Datendichte auf kleinstem Raum.
➔ NEIN: Bleib beim Barcode. Es ist die günstigste, robusteste und am schnellsten implementierte Lösung.
# Welche Entscheidung passt zu dir? Mini Decision Flow
## 3 Fragen, 60 Sekunden
[START]
|
v
+--------------------------+
| 1) Pulkerfassung nötig? |
| 50+ Teile / 1 Sekunde? |
+--------------------------+
| JA | NEIN
v v
+--------------------------+ +------------------------------+
| RFID (UHF) | | 2) Informationsbedarf am |
| Hardware + Pilotprojekt | | Objekt? Links/Docs/Fotos? |
+--------------------------+ +------------------------------+
| JA | NEIN
v v
+------------------+ +------------------------------+
| QR-Code | | 3) Platzmangel oder |
| Doku + Smartphone| | Industriestandard? GS1/MHD? |
+------------------+ +------------------------------+
| JA | NEIN
v v
+------------------+ +------------------+
| DataMatrix | | Barcode |
| hohe Datendichte | | günstig + robust |
+------------------+ +------------------+
Entscheidungstabelle
| Situation im Betrieb | Empfehlung | Begründung |
|---|---|---|
| wenig IT, schnell starten | Barcode | Minimal-Setup, funktioniert sofort |
| mobile Teams, Wartung/Doku | QR-Code | Mehr Info am Objekt, flexibler |
| hoher Durchsatz, definierte Zonen | RFID | Pulkerfassung ohne Sichtkontakt |
| Stress reduzieren, weniger Nacharbeit | Barcode/QR | Zuverlässigkeit schlägt Hightech |
Welche typischen Einführungsfehler solltest du vermeiden?
- Technik nach Trend kaufen statt nach Prozess
- Etikettierung nicht standardisieren (Größe, Platz, Material)
- Keine klare Regel: wann wird gescannt?
- Doku/Links einführen und dann nie pflegen (QR wird dann wertlos)
- RFID ohne Pilot: Setup-Probleme erst im Echtbetrieb entdecken
Checkliste: Etikettierung standardisieren
- Größe/Modulbreite: Für Smartphones QR i. d. R. ≥ 20–25 mm, ausreichende Quiet‑Zone.
- Kontrast: Dunkler Code auf mattem, hellem Hintergrund; keine Glanzfolien.
- Material/Haftung: Temperatur/Chemikalien beachten; Regaletiketten richtig wählen.
- Platzierung: Flach, nicht über Kanten; Schutzlaminat bei Abrieb.
Mini-Hardwareliste (kompakt)
| Hardwareklasse | Kosten (ca.) | Einsatz | Hinweis |
|---|---|---|---|
| 2D‑Imager (1D/2D) | 150–400 € kabel; 250–600 € kabellos | Barcode/QR/DataMatrix an Lagerplatz/Artikel | IP54+, gutes Ziel-/Licht; Pistolengriff bei Vielscan |
| UHF‑RFID‑Handheld | 900–3.000 € | Inventur, Wareneingang, KLT/Behälter | Wechselakku, Android/SDK, Offline-Puffer |
| UHF‑Reader + Antennen (stationär) | 800–2.500 € + 100–300 €/Ant. | Gate, Arbeitsplatz, Zonen | Abschirmung, definiertes Feld, Tuning/Tests |
| RFID‑Tags | UHF: 0,08–0,25 €; on‑metal: 0,70–3,00 €; HF/NFC: 0,15–0,60 € | Artikel, Gebinde, Metallflächen | on‑metal bei Metall; Temperatur/Chemie prüfen |
| Etikettendrucker | 200–500 € | Barcode/QR/DataMatrix‑Labels | Thermotransfer + Resin; Material passend zum Untergrund |
Fazit: Jede Technologie hat ihre Berechtigung
Barcode/QR sind optimal für:
- Kleine bis mittlere Artikelmengen (100-500)
- Einzelne Entnahmen/Zugänge
- Niedrige Einstiegskosten
- Schneller Start ohne Setup
RFID ist optimal für:
- Hohe Artikelmengen (500+ täglich)
- Pulkerfassung (viele Teile gleichzeitig)
- Automatisierte Prozesse (Gates, Durchlauf-Logik)
- Setup-Aufwand ist budgetiert und geplant
Die beste Technologie ist nicht die modernste, sondern die, die zu deinem tatsächlichen Durchsatz und Budget passt.
Starte dort, wo du sicher Erfolg hast – skalieren kannst du immer noch.
