Montagmorgen, 06:45 Uhr. Das Kabelregal ist leer.
Du stehst im Lager und greifst ins Leere. NYM-J 3x1,5 war gestern noch da, jetzt nicht mehr. Keiner hat etwas gesagt. Kein Zettel, keine Nachricht, nichts. Die Baustelle startet in einer Stunde, und du weißt: Jetzt fährst du erst mal zum Großhändler.
Das passiert nicht zum ersten Mal. Und es wird nicht das letzte Mal sein.
Kurzfassung: Wenn Verbrauchsmaterial im Handwerk regelmäßig fehlt, liegt das selten an den Mitarbeitern. Es liegt am fehlenden System. Zettel, Ansagen und Excel scheitern, weil sie Disziplin voraussetzen, die im Tagesgeschäft nicht durchzuhalten ist. Die Lösung: eine moderne Lager-App mit automatischer Bestandsüberwachung durch Meldebestand oder Min-Max, ohne ERP, ohne IT-Projekt. Viele Betriebe nutzen repleno als spezialisierte Sortly Alternative oder um ihre Excel-Listen zu ersetzen.
Das Muster: Vier Versuche, die alle scheitern
Fast jeder Handwerksbetrieb durchläuft die gleiche Schleife:
1. Hektisch nachbestellen. Material fehlt, Sie bestellen zu viel, um Ruhe zu haben. Kapital liegt im Regal, aber wenigstens keine Ausfälle mehr. Bis die nächste Lücke auftaucht.
2. Ansagen machen. „Sagt Bescheid, wenn was leer wird." Funktioniert drei Tage. Dann vergisst es jemand, weil auf der Baustelle andere Dinge wichtiger sind.
3. Zettel und Listen. Sie hängen Bestelllisten ins Lager oder führen eine Excel-Tabelle. Hält, solange Sie persönlich dranbleiben. Sobald Sie zwei Tage auf der Baustelle sind, bricht das System zusammen.
4. Selbst kontrollieren. Sie gehen abends durchs Lager, prüfen Bestände, schreiben Bestellungen. Das kostet Zeit, die Sie nicht haben, und skaliert nicht über Sie als Person hinaus.
Laut der Deutschen Handwerks Zeitung scheitern diese Ansätze nicht an mangelndem Willen, sondern an fehlender Struktur: Ohne definierte Prozesse und klare Verantwortlichkeiten bleibt Lagerverwaltung ein Dauerproblem.
Das Muster ist immer gleich: Sie lösen das Problem kurzfristig, aber nicht das System. Und sobald der Alltag übernimmt, fallen alle zurück in den alten Modus.
Warum das passiert: Nicht die Leute, sondern das System
Die vier Versuche oben haben eines gemeinsam: Sie setzen voraus, dass ein Mensch den Bedarf erkennt, die Information weitergibt und zum richtigen Zeitpunkt handelt. Das ist reaktiv. Und reaktiv bedeutet: zu spät.
| Reaktiv (Mensch entscheidet) | Proaktiv (System entscheidet) |
|---|---|
| Mitarbeiter merkt: Material fehlt | System erkennt: Bestand unterschreitet Meldebestand |
| Mitarbeiter sagt Bescheid (oder nicht) | System löst automatisch Bestellung aus |
| Chef bestellt, wenn er es mitbekommt | Lieferung kommt, bevor Material ausgeht |
| Lieferzeit startet erst bei Bedarfserkennung | Lieferzeit ist bereits einkalkuliert |
Der entscheidende Unterschied: Proaktive Systeme rechnen die Lieferzeit ein. Sie bestellen nicht, wenn Material fehlt, sondern wenn der Bestand so weit gesunken ist, dass die Lieferung eintrifft, bevor der Mindestbestand unterschritten wird.
Die Formel dahinter: Meldebestand = (Tagesverbrauch x Lieferzeit in Tagen) + Sicherheitsbestand
Mehr zu den verschiedenen Beschaffungsmethoden für Verbrauchsmaterial im Handwerk und wann welche Methode passt.
Was das Chaos kostet: Eine ehrliche Rechnung
Die Kosten sind konkreter, als viele Betriebsinhaber vermuten.
Direkte Kosten pro ungeplanter Besorgungsfahrt:
- Arbeitszeit (Fahrt + Einkauf): ~1 Stunde a 60 bis 85 EUR Stundensatz (je nach Gewerk)
- Fahrtkosten: ~25 EUR
- Nebenverluste (Parken, Wartezeit, Unterbrechung): ~10 EUR
- Summe: rund 105 EUR pro Fahrt
Hochrechnung auf ein Jahr:
Handwerksbetriebe verlieren durchschnittlich bis zu drei Stunden pro Woche durch ungeplante Materialbeschaffung. Bei 50 Arbeitswochen und einem Meisterstundensatz von 80 EUR ergibt das:
3 Stunden x 80 EUR x 50 Wochen = 12.000 EUR Umsatzverlust pro Jahr
Dazu kommen indirekte Kosten, die in keiner Rechnung stehen: unterbrochene Arbeitsabläufe, verzögerte Projekte, frustrierte Mitarbeiter und Kunden, die warten müssen.
Selbst konservativ gerechnet: Vier ungeplante Fahrten pro Monat zu je 100 EUR (Monteurkosten + Opportunitätskosten) sind 4.800 EUR pro Jahr, die nicht auf der Baustelle landen. Wie hoch die Prozesskosten in Ihrem Betrieb tatsächlich sind, können Sie mit dem Einsparungsrechner durchrechnen.
Entscheidungshilfe: Wann reicht analog, wann brauchen Sie ein System?
Nicht jeder Betrieb braucht sofort Software. Die richtige Lösung hängt von drei Faktoren ab: Artikelanzahl, Teamgröße und Verbrauchsmuster.
| Situation | Lösung | Warum |
|---|---|---|
| Unter 20 Artikel, 1-2 Personen, stabiler Verbrauch | Strichliste oder Kanban-Karte am Regal | Überschaubar, eine Person behält den Überblick |
| 20-50 Artikel, 3-5 Personen, wechselnder Verbrauch | Digitale Liste mit Meldebestand (z. B. App) | Mehrere Entnahmestellen, manuelle Erfassung reicht nicht |
| Über 50 Artikel, 5+ Personen, regelmäßiger Verbrauch | Lagerverwaltung mit Min-Max und automatischer Nachbestellung | Ohne Automatisierung fallen systematisch Artikel durch |
| Projektbezogener Einmalbedarf | Bestellung pro Projekt (Stückliste) | Kein wiederkehrender Verbrauch, keine Bestandslogik nötig |
Faustregel: Sobald mehr als eine Person regelmäßig Material entnimmt und niemand konsequent Buch führt, funktioniert das analoge System nicht mehr.
Was wirklich hilft: Automatischer Nachschub ohne ERP
Laut einer Studie von Bitkom und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sehen 83 Prozent der Handwerksbetriebe Digitalisierung positiv. Gleichzeitig empfinden 81 Prozent digitale Lösungen als „zu groß" für ihren Betrieb. Das zeigt: Die Bereitschaft ist da, aber die Angst vor Komplexität bremst.
Für Verbrauchsmaterial brauchen Sie kein ERP. Sie brauchen drei Dinge: eine gute Preisübersicht für Lager-Apps, eine einfache Bestandserfassung und eine klare Lieferantenanbindung.
1. Bestandserfassung bei Entnahme. Nicht per Zettel, sondern digital. Barcode scannen, Menge eingeben, fertig. Zwei bis drei Sekunden pro Entnahme. Alles, was länger dauert, wird im Alltag ignoriert.
2. Meldebestand oder Min-Max-Logik. Das System überwacht den Bestand und meldet oder bestellt automatisch, wenn der definierte Schwellenwert erreicht ist. Die automatische Nachbestellung im Handwerk ist dabei der größte Hebel zur Zeitersparnis. Wie Sie Min-Max für Ihren Betrieb einrichten, erklärt der Praxis-Leitfaden.
3. Lieferantenanbindung. Die Bestellung geht direkt an den Großhändler oder Lieferanten, ohne dass jemand eine E-Mail schreiben oder anrufen muss.
Intelligente Lagersysteme im Handwerk nutzen diese drei Bausteine, um den Nachschub vollständig zu automatisieren. Keine Zettel, keine Ansagen, keine vergessenen Bestellungen.
Fazit: Ohne System bleibt es Chaos
Das Lager ist nicht leer, weil Ihre Mitarbeiter nachlässig sind. Es ist leer, weil ein System fehlt, das Entnahme und Nachschub verbindet.
Reaktive Methoden (Zettel, Ansagen, manuelles Kontrollieren) scheitern systematisch, weil sie Disziplin erfordern, die im Handwerksalltag nicht durchzuhalten ist. Proaktive Systeme mit Meldebestand oder Min-Max-Logik greifen früher ein und bestellen, bevor Material fehlt.
Der erste Schritt: Definieren Sie für Ihre 10 bis 20 wichtigsten Verbrauchsartikel jeweils einen Meldebestand. Ab diesem Punkt haben Sie eine Grundlage, auf der jede weitere Verbesserung aufbaut.
Nächster Schritt
Wenn Sie wissen wollen, was fehlendes Material Ihren Betrieb konkret kostet: Fehlendes Material kostet Handwerker tausende Euro pro Jahr.
Quellen
- ZDH/Bitkom: Das Handwerk in Deutschland wird digitaler (Digitalisierungsstudie)
- Deutsche Handwerks Zeitung: So optimieren Handwerker ihr Lager
- Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk: Intelligentes Lager
- Paulus Lager: Ist Materialwirtschaft für Bauhandwerksunternehmen sinnvoll?
- handwerk.com: Ordnung und Effizienz im Lager



